Forces of Labour

Forces of Labour Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870

De rooie rat is failliet, u kunt niet meer bestellen. ISBN: 9783935936323 Taal: Duits Jaar: Uitgever: Assoziation A politieke theorie arbeidersbeweging politieke economie

Wer sich die Frage stellt, warum die Bewegungen der ArbeiterInnen auf der Welt heute so schwach
wirken, sollte sich die gerade veröffentlichte Untersuchung von Beverly Silver genauer anschauen.
Auf knapp 200 Textseiten findet sich ein dichtes Kondensat aus über zwanzigjährigen Forschungen,
das eine Unmenge Anregungen und Anstöße für die weitere Debatte über die Perspektiven
der Klassenkämpfe enthält und zu verblüffenden neuen Erkenntnissen führt. Silver packt eine Menge
Sprengstoff mitten in die aktuellen Debatten über »Globalisierung«, »Postfordismus« oder das »Verschwinden
der Arbeiterklasse«. Ihr Ausgangspunkt ist eine umfassende Datenbank über Arbeiterunruhen
auf der ganzen Welt von 1870 bis 1996. Die daraus sichtbar werdenden Tendenzen und
Wendepunkte in den internationalen Klassenkämpfen bringt sie mit Forschungen zu den Dynamiken
des kapitalistichen Weltsystems zusammen, die sie gemeinsam mit Giovanni Arrighi und anderen
in den letzten Jahren vorgelegt hat. Zudem hat sie sich die wichtigsten Kampfzyklen und Umbrüche
der kapitalistischen Produktionsweise im Detail angeguckt, so dass der Blick aus der Vogelperspektive
nicht zu schematischen Vereinfachungen führt. Sie stellt sich die schwierige Aufgabe,
die räumlich und zeitlich weitumspannenden Entwicklungslinien mit dem Universum von Konflikten
und Unruhen zusammenzubringen, die das Klassenverhältnis im Kapitalismus ausmachen.
Sie nähert sich diesem Ziel schrittweise an, indem sie ausgehend von einigen theoretischen Hypothesen
mehr und mehr Ebenen dieser Dynamik in ihre Darstellung einbezieht. Auf diese Weise
erhalten wir ein sehr komplexes und materialistisch fundiertes Gesamtbild, das die Diskussionen
über die Zukunft des historischen Kapitalismus auf eine neue Grundlage stellt. Aber das Buch ist
vor allem ein großartiger Wurf, der uns dazu auffordert, diese Art und Ebene der Untersuchung
einer globalen Klassendynamik weiterzuentwickeln.

Pendel und Stufen - Polanyi und Marx als theoretischer Rahmen Die Geschichte von Arbeiterkämpfen und Kapitalakkumulation wird bei Silver so lebendig, weil sie diese nicht als schematische Abfolge von fertigen Modellen
wie »Fordismus«, »Post-Fordismus«, »Toyotismus« usw. präsentiert (siehe die Kritik dieser Begriffe bei
Ferrucio Gambino in diesem Heft), sondern als Entwicklung der Widersprüche, die mit der kapitalistischen
Produktionsweise unweigerlich verbunden sind.
Dadurch wird bei ihr ständig sichtbar, wie die Entwicklungstendenzen der Kapitalakkumulation auch
vom Verhalten der ArbeiterInnen bestimmt werden.
Silver geht davon aus, dass die historische Besonderheit des Arbeiterwiderstands darin besteht, sich
gegen alle Versuche aufzulehnen, die Arbeitskraft als bloße Ware zu behandeln. In den Theorien von Karl
Marx und von Karl Polanyi findet sie die These, dass Arbeitskraft eine fiktive Ware ist: bei Marx werde ihr
fiktiver Charakter am Ort der Produktion klar, da sie nicht wie jede andere Ware »gebraucht« werden kann,
sondern an menschliche Wesen gebunden ist, die sich gegen ihren beliebigen Gebrauch zur Wehr setzen. Für
Polanyi wird ihr fiktiver Charakter schon auf dem Arbeitsmarkt sichtbar, da Arbeitskraft keine für den
Verkauf produzierte Ware sei, sondern die Gesellschaft selbst ausmacht, die so gewaltsam und zerstörerisch
den Marktgesetzen unterworfen wird. Daher müsse es immer wieder zu Gegenbewegungen kommen, die
die Gesellschaft vor ihrer liberalen Selbstzerstörung bewahren.
Silver benutzt diese beiden Ansätze, um zwei Typen von Arbeiterkämpfen zu unterscheiden. Der Kritik
von Polanyi entsprechen Bewegungen, die auf die Zerstörung bestehender und anerkannter Formen der
Reproduktion reagieren und schließlich zu neuen Formen der Regulierung von Märkten führen. Silver sieht
hierin einen Grundwiderspruch des Kapitalismus zwischen Profitabilität und Legitimität : die Kapitalisten
drängen auf Entregulierung, um ihre Profite steigern zu können, untergraben damit aber die Legitimität des
Kapitalismus. Diese muss dann mit neuen Regulierungen der sozialen Sicherheit gerettet werden, deren
Kosten in der Folge wieder die Profite einklemmen. Historisch deckt sich dies mit der Ausweitung des
Freihandels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die schließlich zur Unregierbarkeit des Weltsystems,
Krieg und sozialen Revolten führte. Erst durch die allgemeine Einführung von Marktregulierungen
und sozialen Sicherungssystemen nach dem Zweiten Weltkrieg, durch diese »große Transformation« (Polanyi),
konnte die Legitimität des Kapitalismus wieder hergestellt werden. Die Kosten dieser Legitimationsbeschaffung
führen aber ab den 70er Jahren zu einer neuen Profitklemme, auf die die führenden kapitalistischen
Staaten mit der Ausweitung des Freihandels reagieren..... Bei einer genauen Lektüre des ersten Bandes des Kapital ergibt
sich nach Silver aber ein ganz anderes Bild: Im Zentrum des Buchs stehe eine dialektische Bewegung
zwischen dem Arbeiterwiderstand gegen die Ausbeutung und den Versuchen des Kapitals, diesen Widerstand
durch eine beständige Umwälzung der Produktion und der gesellschaftlichen Verhältnisse zu überwinden.
Durch die Umwälzungen der Produktion werden alte Formen der Arbeitermacht zerstört, aber
das Kapital wird noch umfassender von den ArbeiterInnen abhängig. Alte Identitäten von »Arbeiterklasse
« werden zersetzt, aber neue ArbeiterInnen werden in neue Formen von Produktion hineingespült. In deren
Kämpfen bildet sich dann ein neues Gesicht von Arbeiterklasse heraus. Silver wendet sich mit dieser
Lesart von Marx ganz ähnlich wie die frühen, vorideologischen Operaisten (siehe die Kritik am ideologischen Operaismus im letzten Heft) gegen einen dogmatischen und identitären Klassenbegriff. Klasse
ist eine in den Umwälzungen der Produktion sich ständig neu herausbildende Größe, die nicht statisch festgehalten
werden kann. Sie existiert nur in einer beständigen Dialektik von »technischer« und »politischer
Klassenzusammensetzung«, wie es Anfang der 60er Jahre in den Quaderni Rossi bezeichnet wurde.
Ergänzend zu der Pendelbewegung erhalten wir so eine Abfolge von Brüchen und Stufen in den weltweiten
Arbeiterkämpfen: die Macht des globalen Proletariats entwickelt sich nicht gradlinig, aber von
Kampfzyklus zu Kampfzyklus erweitert sich ihre materielle Basis. Diese Kombinationen von Pendel- und
Stufenbewegungen dienen Silver als Hypothesen für die langfristigen zeitlichen Dynamiken der Klassenkämpfe.
Diesen stellt sie Hypothesen zur räumlichen Entwicklung zur Seite, um die ganze Welt in ihrem Zusammenhang
in den Blick zu bekommen. Sie knüpft an dem an, was Wallerstein als »Problem auf Systemebene
« bezeichnet hat: der historische Kapitalismus kann den Widerspruch zwischen Profitabilität und
Legitimität vorübergehend lösen, wenn es ihm durch »Grenzziehungen« gelingt, die sozialen Zugeständnisse
auf einen kleinen Teil der weltweiten ArbeiterInnen zu beschränken. Marx habe gehofft, das Kapital
werde in seinem Streben nach Ausbeutung selber alle diese Grenzen niederreißen, dabei aber übersehen, wie
sowohl von Arbeitern bei der Verteidigung bereits bestehender Rechte als auch von Staaten und Kapitalisten
zur Kontrolle des Klassenkonflikts beständig neue Grenzen errichtet und verteidigt werden. Es sei
zu vermuten, dass ArbeiterInnen mit etablierten sozialen Sicherungen eher zur Strategie des Ausschlusses
greifen werden, während neu sich herausbildende Abeiterklassen in ihren Kämpfen bestehende Grenzziehungen
niederreissen. Für die Frage, wie schnell sich Kisen der Legitimität oder der Profitabilität zuspitzen,
spiele die Wirksamkeit bzw. das Zusammenbrechen slcher Grenzziehungen eine zentrale Rolle.
Die Arbeiterunruhen fixieren - ein unlösbaresProblem des Kapitals m nächsten Schritt nimmt sich Silver den zentralen
Sektor des 20. Jahrhunderts vor und beschreibt auf zanzig Seiten die Jagd der Automobilproduktion um
den Globus - ständig vorwärtsgetrieben von den Unruhen und Aufständen der AutoarbeiterInnen, was sie
als »spatial fix«, also etwa »räumliche Fixierung / Regulierung «, bezeichnet. In den 30er Jahren kippt das
autoritäre Regime von Fords Fließbandproduktion durch die Welle der Sit-Down-Strikes. Zunächst flieht
das Kapital von Detroit, das ursprünglich gerade wegen seines gewerkschaftsfeindlichen Klimas zum Zentrum
der US-Autoproduktion wurde, in die Südstaaten. Ab 1958, mit der Wiederherstellung des Weltmarkts
durch die Währungskonvertibilität in Europa, wird West- und Südeuropa zur neuen Boomregion.
Als das Autokapital dort in den 70er Jahren von Arbeiterrevolten heimgesucht wird, wandert es nach Brasilien
und Südafrika weiter - nur um dort eine neue Phase von Klassenkämpfen zu initiieren, die eine ganz
andere Durchschlagskraft entwickeln, als dortige Arbeiterkämpfe in den 50er und 60er Jahren, die noch
mit Repression erstickt werden konnten. ..... aus: Wildcat Nr.67 p. 56 -59

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