Algerien. Frontstaat im globalen Krieg.Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideolog

Algerien. Frontstaat im globalen Krieg.Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideolog ie in einem nordafrikanischen Land

De rooie rat is failliet, u kunt niet meer bestellen. ISBN: 9783897710191 Taal: Duits Jaar: Uitgever: Unrast politieke theorie algerije

Algerien galt der europäischen Linken lange Zeit als ein "Modellfall" in der
so genannten Dritten Welt. Das Land konnte sich, überwiegend aus eigener
Kraft, von der 132 Jahre währenden Vorherrschaft des französischen
Kolonialismus befreien - zu einem hohen Preis: Der Unabhängigkeitskrieg
zwischen 1954 und 1962 kostete auf der algerischen Seite rund eine Million
Tote und zahlreiche Folteropfer.

Infolge der Unabhängigkeit 1962 schlug das Land zunächst einen
staatssozialistischen Entwicklungsweg ein, der vor allem folgende Elemente
miteinander vermengte: Entwicklungsdiktatur und Bemühen um eine
eigenständige Industrialisierung; Dominanz der Staatsbürokratie und zugleich
(im Unterschied zu der UdSSR und anderen realsozialistischen Staaten)
Vorherrschaft der Militärs über die Einheits-Partei; eine zunächst geringe,
später aber vom Staat als "Gegengift" zum Marxismus geförderte Bedeutung der
Religion in der politischen Sphäre.

Ab den frühen 80er Jahren beginnt dieses Entwicklungsmodell auseinander zu
brechen. Innere und äußere Faktoren spielen dabei eine Rolle - die Rolle der
in die eigene Tasche wirtschaftenden Eliten, der Ölpreisverfall auf dem
Weltmarkt der Jahre 1985/86 und der Niedergang des verbündeten sowjetischen
Blocks. Auch in der Gesellschaft hat das staatssozialistishe Modell an
Legitimität verloren, der Staat gilt als "Auspresser" der Gesellschaft, und
viele Algerier glauben in den 80er Jahren an die Illusion einer "Befreiung"
durch den Markt.

Mit der Implosion des alten Ein-Parteien-Staats 1988, unter dem Ansturm
einer zunächst blutig unterdrückten Jugendrevolte, beginnt eine neue Phase.
Der kurze demokratisch-pluralistische Frühling wird beendet durch den
raschen Aufstieg des politischen Islamismus zur Massenbewegung, vor dem
Hintergrund der Krise aller als "links" oder progressiv konnotierten
Befreiungsmodelle (der Begriff des Sozialismus wird mit dem untergehenden
FLN-Staat, jener des Kommunismus mit der verbündeten und ebenfalls
niedergehenden UdSSR identifiziert). Scheinbar bleibt nur der "Rückbzug auf
die angestammte Identität", die reaktionäre Utopie einer durch Abschneiden
aller verderblichen und zersetzenden Einflüsse "gesundeten" Gesellschaft als
Alternative zu den abgewirtschafteten Eliten.

Die reaktionäre Utopie kann Anfang der Neunziger tatsächlich Millionen
Menschen mobilisieren, jedenfalls an den Wahlurnen. Aus der Nähe betrachtet,
ist der Erfolg des politischen Islamismus jedoch nicht so total wie
befürchtet: Die Politik der Islamistenpartei FIS in den "1990" eroberten
Rathäusern führt zu einer Negativbilanz, die nicht wenige Wähler abstößt.
Der Versuch einer Machtergreifung von der Straße aus, mit einer (von der
Form her) aufstandsähnlichen Strategie, endet im Misserfolg. Der
parlamentarische Weg an die Macht wird dem FIS schließlich durch einen Teil
der alten Eliten sowie die verängstigten Mittelschichten verbaut. Ab da
eskaliert jedoch der Konflikt, in Algerien gehen scheinbar die Lichter aus.

Die gesamten Neunziger Jahre hindurch macht Algerien im Ausland vor allem durch Nachrichten von Massakern, Terror und Gegenterror von sich reden. Diese rabenschwarze Vision verdeckt jedoch einige Prozesse in der algerischen Gesellschaft: Unter dem Eindruck konkreter Bekanntschaft mit islamistischen Praktiken, etwa in "befreiten Zonen" - die aber häufig vom Staat freiwillig auf Zeit aufgeben worden waren -, kommt es zum Prozess der Ablösung großer Teile der früheren Anhängerschaft vom radikalen politischen Islamismus. Dessen bewaffnete Fraktionen antworten darauf teilweise durch Kollektivmassaker. Zugleich eskaliert eine Gewalt, die teilweise weniger aus ideologischen Faktoren denn aus der Eigendynamik einer Raub- und Plünderungsökonomie in einem rasant verarmenden Land zu erklären ist. Die Ideologie hängt darüber lediglich ein Mäntelchen der Rechtfertigung.

Gleichzeitig geht der Umbau der ehemals staatssozialistischen zur auf den
Weltmarkt "geöffneten", liberalisierten Ökonomie weiter. Die letzten
Stationen sind die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU
(2002) und die Eröffnung von Beitrittsverhandlungen mit der WTO. Die
sozialen Widerstände bleiben oft schwach, da die Erfahrungen mit dem
Islamismus - seinem Umkippen in einen oftmals gegen "die Massen" gerichteten
reaktionären Terror, aber auch seiner Niederlage gegenüber dem letztlich
doch stärkeren Staat - eine lähmende Wirkung auf die kollektive
Mobilisierungsfähigkeit ausüben. Dennoch kommt es zu Anfang dieses
Jahrzehnts zu einer Reihe vielfältiger sozialer Proteste, denen es bisher
jedoch an Vereinheitlichung und längerfristiger Perspektive fehlt.

aus dem Inhalt

- Von der Unabhängigkeit (1962) bis zur Implosion des Ein-Parteien-Staats
(1988): Scheitern des Entwicklungsmodells und seine Gründe, die "linke" und
die "rechte" Opposition, Versuche der Instrumentalisierung der Religion
durch die Staatsmacht

- Erfolgsgründe des politischen Islamismus als Massenbewegung (1988 - 1992):
Koloniales Gedächtnis, Krise der Linken bzw. Diskreditierung von Sozialismus
und Kommunismus, weltpolitische Faktoren (Irakkrieg 1991 und
Afghanistan-Erfahrung) und internationaler Kontext

- Von der Massenmobilisierung zur Abschreckung der "Massen" (1992 - 1998):
Der Islamismus im Bürgerkrieg, die "islamistische Kriegsökonomie" (nach Luis
Martinez) und die Rolle der Ausplünderung, die strategische Niederlage
1997/98

- Die Einbettung Algeriens in die "moderne" Weltmarktökonomie geht
unterdessen weiter: Abkommen mit dem IWF 1994, Privatisierungsschub durch
den Bürgerkrieg, Bemühungen um "Modernisierung" und
"Anschluss-nicht-verpassen" unter Präsident Bouteflika (ab 1999)

- Möglichkeiten und Schwierigkeiten von sozialem Widerstand in einer
traumatisierten Gesellschaft: Die Rolle der Erfahrung der Neunziger Jahre,
die kabylische Regional-Revolte von 2001 (mit Augenzeugen-Kenntnissen),
soziale und Streik-Bewegungen sowie Riots der Jahre 2001 - 03

- Kurzportrait der wichtigsten politischen Parteien und Kräfte
(Staatsparteien, Islamisten, Linke, Regionalparteien)

- In den Textfluss eingebettet: Besprechung und Kritik ausgewählter
Literatur, mit besonderem Augenmerk auf Darstellung und Kritik der
"Verschwörungsthese" (demzufolge der radikale Islamismus lediglich ein
Popanz der regierenden Militärs darstellt, um deren Repressionspolitik zu
rechtfertigen)

- Kurzer Vorausblick auf die Weichenstellungen, die mit der
Präsidentschaftswahl im April 2004 verbunden ist (stärker protektionistisch
orientierte FLN-Eliten versus beschleunigte Weltmarktintegration und
neoliberale Öffnung - aber Fehlen einer grundsätzlichen Alternative zwischen
beiden Optionen)

- Literaturliste (mindestens 40 bis 50 Titel, überwiegend in Frankreich und
Algerien erschienen)

Der Autor
Bernhard Schmid, geboren 1971, lebt und arbeitet seit 1993 in Paris,
Mitarbeit an der Universität von Cergy-Pontoise bei Paris, freier Journalist,
Veröffentlichungen in Jungle World, Analyse und Kritik, WoZ, u.a.
Zuletzt erschienen: Die Rechten in Frankreich. Von der Französischen Revolution zum Front National. Elefanten Press.

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